Food-Kolumnen sind was schönes. Meistens erfährt man neues über eines seiner Lieblingsthemen – Neues über unser Lieblingsthema. Sind sie dann noch in einem Buch zusammengefasst und man muss nicht auf die nächste Ausgabe der Zeitschrift warten, umso besser. Aus der Bibliothek hatte ich die zweite Ausgabe von Vogue-Schreiber Jeffrey Steingarten
Achtzehn außerordentliche Erfahrungsberichte tischt uns Steingarten auf. Dabei nimmt er kein Blatt den Mund. Höchstens in den Mund, auch wenn es schon mal das Falsche sein kann. Steingarten ist nicht einfach nur Kolumnist, er leidet an einer außergewöhnlich ausgeprägten Art der kulinarischen Abhängigkeit, an der er uns teilhaben lässt. Egal, ob es darum geht, dem menschlichen Urinstinkt beim Braten eines 32-kg-Schweines nachzugehen oder sich in Brotback-Phasen zu vertiefen, die nicht nur seine Ehe gefährden.
Steingarten ist zwanghaft. Das muss ich hier so unverblümt sagen. Für ihn ist Thanksgiving nicht nur ein Tag an dem halb, ach was, ganz Amerika das gleiche isst. Für ihn ist Thanksgiving die Suche nach dem perfekten Truthahnrezept. Und das kann schon mal in eine Experimental-Orgie ausarten, die Wochen oder gar Monate dauern kann. Wenn Steingarten ein Thema angeht, dann behandelt er es nicht nur oberflächlich, er vertieft sich soweit hinein, dass er fast schon das ursprüngliche Ziel aus dem Auge verliert.
Brot backen gleitet in die Suche nach dem perfekten Brot ab. Ebenso verhält es sich mit dem schon erwähnten Truthahn, aber auch der perfekten Gans oder dem ultimativen Omelette. Und wenn er sich dann auf die Suche nach dem Hummersoufle-Rezept macht, das er als Kind in einem Hotel in Frankreich aß, dann ist es vorbei mit der ruhigen Zeit. Dann klappert er all seine Kontakte ab, bis er mehr oder weniger jeden Menschen dieses Planeten genervt hat, um auch nicht weiter zu sein als vorher.
Auch Testreihen gestalten sich eher als Exzesse – egal ob es sich um Kaviar oder Mineralwasser handelt. Monatelang werden Verkostungen durchgeführt, bis er einen Favoriten gefunden hat, um am Ende festzustellen, dass er diesen nur über teuere Importwege beziehen kann.
Wie gesagt, Steingarten ist zwanghaft. Genauso zwanghaft, wie der Leser – in dem Fall ich -, der nicht von diesem Buch lassen kann, bis er auf der letzten Seite angekommen ist. Mit einer Art kulinarischen Humor, die seinesgleichen sucht, fasziniert er seine Leser und lehrt sie nebenbei noch Qualitätsbewusstsein.
Ich kann dieses Buch uneingeschränkt empfehlen.
# Gebundene Ausgabe: 345 Seiten
# Verlag: Rogner & Bernhard; Auflage: 1 (Februar 2006)
# Sprache: Deutsch
# ISBN-10: 3807710140
# ISBN-13: 978-3807710143